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Dem Vergessen entreißen PDF

Wie kann es einen Gott dem Vergessen entreißen PDF, wenn die Welt so offensichtlich ungerecht, leidvoll und sinnlos ist? Das ist, auf einen Satz reduziert, die Frage der „Theodizee“. Frage ist, aber von ungemein persönlicher Bedeutung. Menschen, die unfassbares Leid erlebten, stehen vor dieser Frage nicht zuerst als philosophisch Interessierte, sondern als ins Herz Getroffene.


Författare: Carola Schark.
Über 3.000 Menschen wurden bei Luftangriffen auf Freiburg im Zweiten Weltkrieg getötet — fast 90 Prozent davon kamen beim Großangriff am 27. November 1944 ums Leben. Carola Schark hat die Namen der Opfer gesammelt und ihre Geschichten zusammengetragen — Geschichten ohne jedwedes Happy-End, die dennoch Mut machen, zeugen sie doch von Zivilcourage in höchster Not und Zusammenhalt in schwersten Zeiten. Die große Resonanz auf Carola Scharks Aufruf zeigt, dass diese Menschen bei Angehörigen und Freunden auch nach 70 Jahren unvergessen sind.

Eine Antwort auf diese Frage darf das nicht ignorieren: Es geht nicht nur um eine rationale Auflösung eines Widerspruches zwischen dem guten Gott und den verstörenden Ereignissen dieser Welt. Ich hoffe, mit dieser Katechese einem solchen Anspruch einigermaßen gerecht zu werden und bitte jetzt schon um Entschuldigung, falls mir das nicht gelingt. Auch bitte ich um etwas Geduld: Der erste Teil der Katechese ist nüchtern, sachlich und eher philosophisch. Aber keine Sorge: Ich verliere den Anspruch, neben einer Antwort auch Trost zu finden, nicht aus den Augen. Versuche, sich der Theodizee zu nähern und ein wenig Heilung, zumindest aber Linderung des Schmerzes, den das Leid verursacht, zu schenken. Buch über einen Vater, dessen Kind entführt und ermordet wird und seine Auseinandersetzung mit Gott.

Teile habe ich für diese Katechese übernommen – die anderen Teile sind auch lesenswert. Nicht alle, die vom „großen, unlösbaren Problem der Theodizee“ in der Theologie hören, können die Brisanz nachvollziehen. Nun will ich niemandem ein Problem einreden, das er selbst nicht hat. Durch diese Beschreibung des Theodizee-Problems wird zudem deutlich, dass wir in der Frage nach Gott immer schon den christlichen Gott vor Augen haben, von dem es heißt, er sei gut und liebevoll. Angesichts des Leids in der Welt stellt sich nämlich nicht die Frage nach der Existenz eines Gottes – sondern nur die Frage nach seiner Güte und Allmacht.

Denn: Vielleicht gibt es trotz allen Leids einen Gott, der aber nicht gut, sondern bösartig und grausam ist? Das Theodizeeproblem ist also kein universelles Rätsel: Es ist ein spezielles Problem der Religionen, die an einen personalen, guten und allmächtigen Gott glauben. Für Atheisten stellt sich die Frage nicht: Wenn kein Gott existiert, braucht man seine Güte und Allmacht auch nicht zu verteidigen. Das Defizit der mangelnden Erklärung für das So-sein der Welt im Buddhismus sieht der Buddhist selbst nicht: Für ihn ist die ganze Welt Teil der Illusion, die mich nur solange bedrängt, wie ich an ihr festhalte. Auch das Judentum hat seine Lösung gefunden, die im Leid die Konsequenz menschlichen Verhaltens sieht. Allerdings denkt die jüdische Theologie weniger in den Kategorien des Individuums, sondern denkt ausdrücklich die Möglichkeit, dass das ganze Volk Israel für die Sünden einzelner zu leiden hat. Das größte Problem stellt die Theodizeefrage für die Christen dar, die an einen vernünftigen und zugleich gütigen, allmächtigen, allwissenden und dem Menschen zugewandten, aktiven Schöpfergott glauben.

Wenn Gott gut ist, kann er nicht auch allmächtig sein: Denn wenn er das Leid verhindern will, es aber dennoch existiert, kann das nur heißen, dass er das Leid nicht verhindern kann. Wenn Gott allmächtig ist, kann er nicht auch gut sein: Denn wenn Gott das Leid verhindern kann, es aber dennoch existiert, bedeutet dies, dass er es nicht verhindern will. Wenn Gott aber nicht allmächtig ist – oder nicht gut -, dann ist er auch kein Gott. Wenn Gott aber sowohl gut, als auch allmächtig ist, wenn Gott also das Leid sowohl verhindern will und es auch kann: Woher kommt dann das Leid?

Auch wenn Epikur kein Christ war und zwischen einem sophistischen und einem mythologischen Gottesbild seiner Zeit stand, so hat er schon klar vor Augen: Gott ist nur Gott, wenn er auch allmächtig und gut ist. Genau diese Annahme ist aber unvereinbar mit der offensichtlich leidvollen Welt. Epikur hat in seinen vier Sätzen nicht nur logische Möglichkeiten beschrieben, vielmehr finden alle vier Thesen ihren praktischen Niederschlag in den Reaktionen der Menschen. Die einfachste Lösung der Theodizeefrage liegt entweder in Epikurs 3. Satz: «Vielleicht gibt es ja gar keinen guten und allmächtigen Gott? Ermahnungen gutmeinender Christen: «Zweifle jetzt nicht an der Güte Gottes!

Die Theodizeefrage ist aber auch gelöst, wenn wir annehmen, dass Gott zwar der allmächtige Schöpfer der Welt ist, aber eben nicht der gütige Gott der Christen. Klar gibt es einen Gott – irgendwoher muss doch die Welt ihren Anfang haben. Aber dieser Gott ist ein sadistischer Gott, er kümmert sich nicht um mich und mein Leid. Ich bin Ihm offensichtlich einfach egal. Aber auch die in Epikurs ersten Satz formulierte Möglichkeit findet ihre moderne Anwendung: Gott kann nicht in diese Welt eingreifen – warum auch immer. Ich würde Euch ja gerne helfen! Dennoch halten wir Christen an der in Epikurs vierten Satz formulierten Möglichkeit fest, auch wenn sie einen Widerspruch in sich enthält: Gott ist und bleibt gut und zugleich allmächtig.

Somit brennt weiterhin die Frage des Epikurs: Wenn Gott aber sowohl gut, als auch allmächtig ist, wenn Gott also das Leid verhindern will und es auch kann: Woher kommt dann das Leid? Bevor wir uns den verschiedenen philosophischen bzw. Unterscheidung der zwei „Übel“ sicherlich hilfreich. Augustinus unterscheidet nämlich das „malum morale“ vom „malum physicum“. Das „malum morale“ – das moralische Übel – entspringt allem moralischen Fehlverhalten der Menschen: zum Beispiel der Lüge, dem Mord, dem Terrorismus und jeder sonstigen Art der Kriminalität. Aber das Leid dieser Welt resultiert nicht allein aus der menschlichen Sünde.

Das alles – so meint Leibniz, den wir weiter unten kennenlernen – rührt wiederum daher, dass die Welt nunmal endlich ist. Leibniz diese Eigenschaft der Schöpfung – ihre Endlichkeit – als ein weiteres Elend: das „malum metaphysicum“. Ursprung nicht unmittelbar in Gott hat, sondern vom Menschen kommt. Da der Mensch eine echte Freiheit besitzt, kann man zwar Gott für die Freiheit des Menschen als Ursache ausmachen, aber nicht für das, was der Mensch aus dieser Freiheit macht.