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Medizin und Moral in Weimarer Republik und Nationalsozialismus PDF

Fassung eines Beitrages für Das Archiv. Den Artikel in Gänze als pdf finden Sie hier. Was nicht in den Akten ist, ist nicht in der Welt. Die Sensibilisierung für diese Frage nach dem Individuum gehört zum Medizin und Moral in Weimarer Republik und Nationalsozialismus PDF einer Geschichtswissenschaft, die auf der Suche nach Wirklichkeit präzisere Antworten finden will.


Författare: Andreas Frewer.

In diesem Zusammenhang waren Privatkorrespondenzen historisch bedeutsamer Persönlichkeiten schon immer ein beliebtes Objekt der Forschung. Die erste Veröffentlichung mit wissenschaftlichem Interesse am Thema stammt von Ortwin Buchbender und Reinhold Sterz . Unter dem Titel Das andere Gesicht des Krieges veröffentlichten sie Auszüge aus Feldpostbriefen. Grundlage bildete die Privatsammlung von Reinhold Sterz, die heute in der Landesbibliothek Stuttgart einzusehen ist.

Nur wenige weitere Sammlungen dieser Art existieren, z. Eine erste Vermutung dafür ist, dass es sich bei Feldpostbriefen um emotional bedeutsame Kommunikate handelt. Im Falle des Heimgekehrten sind die Angelegenheiten, die in den Briefen thematisiert wurden, weitergeführt und schließlich erledigt. Bei Gefallenen und Vermissten hingegen ist zu erwarten, dass die Gedenkkultur eine andere ist. Zweiten Weltkrieg als militärisches Ereignis wird man aus den Feldpostbriefen kaum Neues erfahren, sie haben andere Werte. Sie geben Einblicke in das Befinden der Betroffenen, in die Auseinandersetzungen und Diskurse des täglichen Lebens.

Eine Ehe wird für lange Zeit eine Ehe auf Papier – auf Briefpapier. Die Welt der Heimat war dem Soldaten an der Front bekannt. Er war zumeist unfreiwillig aus Familie und sozialem Umfeld heraus gerissen. Er hatte den Wunsch, an dieser Welt weiter Teil zu nehmen. Immer wieder stellte er Fragen und forderte damit zur Kommunikation auf. Das Medium Brief erlaubte trotz der räumlichen Trennung, dass der Mann weiter am Diskurs beteiligt war.

Immer wieder deutlich das große Interesse, an Entscheidungen zu Hause mitzuwirken. Die Welt der Heimat war durch das tägliche Warten auf Post gekennzeichnet. Die Angehörigen hofften auf Lebenszeichen von der Front. Sie tauschten sich aus und Bekanntschaft und Nachbarschaft nahmen teil an der Freude, wenn ein Brief kam und an der Enttäuschung, wenn er ausblieb. Oft – wenn es der Inhalt zuließ – wurden die Briefe auch wechselseitig gelesen.

Das Medium Feldpostbrief brachte in der ästhetischen Diskussion einen System stabilisierenden Effekt mit sich: Die Debatte über eine sich verändernde Einstellung war äußerst schwierig. Im mündlichen Gespräch, das Argumente auch testweise ausprobieren kann, werden Haltungen präsentiert und wenn sie nicht in der gewünschten Weise ankommen, auch wieder spontan revidiert. Im Gegensatz dazu legt die Schriftlichkeit eher fest. Bei der Entscheidung, was geschrieben und was verschwiegen wurde, spielt die Zensur eine Rolle. Sie war erkennbar, da die Briefe – solange keine gravierenden Verstöße geahndet wurden – wieder verschlossen und mit einem Vermerk versehen wurden, dass die Öffnung durch die Feldpostprüfstelle durchgeführt wurde. Bisweilen waren danach einzelne Passagen in den Briefen geschwärzt oder mit einer Schere ausgeschnitten. Wenn jemand systemkonform schrieb, kann man aus heutiger Sicht davon ausgehen, dass dies der Haltung des Schreibers entsprach, denn niemand konnte ihn dazu zwingen, entsprechende Offenbarungen in der privaten Kommunikation zu tätigen.

Wenn sich jemand gegen das System äußerte, kann man diese Aussagen auch ernst nehmen, denn er übte Kritik angesichts der Gefahr erwischt zu werden. Nur wenn jemand nichts Entsprechendes schreibt, ist dies nicht zu interpretieren. Die Schweigegrenze der Soldaten liegt bei der Vermittlung von Leiden. Dies lässt sich etwa dann belegen, wenn in den wenigen Fällen, wo dies möglich ist, Tagebuchaufzeichnungen mit den Briefen aus derselben Zeit verglichen werden können. Nach Hause sendet der Soldat Zuversicht, dem Tagebuch vertraut er die Beschwerlichkeiten und Gefahren an.